Der Tag im Shanti Mandir Ashram in Magod in Indien beginnt früh.  Bereits um 05:30 beginnen die Schüler der Sanskritschule jeden Morgen mit ihren Zeremonien und Rezitationen der Mantren. Während wir mit geschlossenen Augen den Klängen lauschen oder leise mitsingen, spüren wir langsam die ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern. Mit uns und um uns herum wacht auch die Natur langsam auf und Vogelgezwitscher macht sich breit. Ein Moment, den ich sehr geliebt habe. Die Tage vergehen schnell im Ashram und sind von vielen Rhythmen und Routinen geprägt.

Leben im Einklang mit der inneren und äußeren Natur: Im Ashram in Indien

Während wir in unserem Alltag oft unseren natürlichen Rhythmus, der tief in uns abgespeichert ist, ignorieren, versuchen wir im Ashram unseren Lebensrhythmus in den größeren Rhythmus der Natur zu integrieren. Unsere Tage beginnen mit dem Sonnenaufgang und enden mit dem Untergehen der Sonne und bei Vollmond werden besondere Feuerzeremonien abgehalten, um die Verbundenheit zur Natur auszudrücken. Doch Ziel ist es auch in Verbundenheit mit der eigenen inneren Natur zu leben. Durch Rhythmen und Routinen, einer gesunden Ernährung und Yoga üben wir uns darin, unseren Geist und unsere Achtsamkeit zu kultivieren.

Tagesablauf im indischen Ashram

Ein typischer Tagesablauf während der Yogalehrerausbildung im Ashram sieht so aus:

5:30-06:00 Uhr: Aufstehen

06:20-07:30: Rezitieren der Mantren im Tempel

07:30: Frühstück

09:00: Yogatheorie

11:00: Asanapraxis

12:30: Mittagessen

14:00: Yogaphilosophie

16:00: Pause für Chai-Tee

17:00: Meditation

18:20-19:30: Rezitieren der Mantren im Tempel

19:30: Abendessen

Wie du siehst, ist der Alltag im Ashram sehr durchgetaktet. Auch bleibt wenig Zeit für weltliche Dinge wie im Internet surfen oder grübeln und nachdenken. Das ist auch gut und hat einen Grund. Ziel ist es, zu erlernen, im Augenblick präsent zu sein und seinen Geist von allen anderen Gedanken zu befreien.

„Yoga is a steady state of mind.“

Was sich so einfach anhört, ist natürlich für viele die größte Herausforderung. Ein erster Schritt in diese Richtung ist, seine eigenen Gedankenmuster, Gefühle und Emotionen zu beobachten, anstatt sich voller Emotion unkontrolliert in diese hineinzustürzen. Irgendwann verstehen wir dann, was tatsächlich hinter diesen steckt und können gelassener und kontrollierter handeln. Ebenso sind das Praktizieren von Asanas, Pranayama (Atemübungen) und Meditation hilfreich, um physisch und mental Ruhe und Klarheit zu entwickeln. Langfristig erhöht sich dadurch Prana, deine Lebensenergie, was zu einer höheren Lebensqualität, Kraft und Energie führt.

„Auch im Ayurveda ist es oberstes Ziel, sich in Balance mit der inneren und äußeren Natur zu befinden.“

Die enge Verbundenheit zwischen der eigenen Lebensgestaltung und der äußeren Umgebung hat viele Vorteile. Natürlich ist es nie möglich, sich in einer ständigen Balance zu befinden. Vielmehr geht es darum, dass wir wieder erlernen, die Sensibilität für unsere natürlichen Bedürfnisse zu erhöhen und uns auch nach diesen auszurichten. Umso sensibler wir werden, umso einfacher wird es uns fallen, Dysbalancen zu erkennen und dementsprechend zu handeln, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

Im Ashram in Indien: Essen und Leben im Einklang mit der Natur

Essen im Einklang mit der Natur

Die Konstitution von uns allen wird auf natürliche Weise durch das Alter, die Jahres- und Tageszeiten und das Klima beeinflusst. Wenn wir in einem kalten, windigen Klima wohnen, benötigen wir meistens mehr süße, energiespendende und aufbauende Vata-Nahrung, während wir in den Tropen eher das natürliche Verlangen nach frischen Früchten und herber Rohkost (Pitta) haben. Auch die Jahreszeit beeinflusst unsere Bedürfnisse. So herrschen im Herbst und Winter die Elemente Vata und Kapha vor: Es ist kalt, windig und zeitweise nass und auch in uns erhöhen sich diese Doshas auf natürliche Weise und wir sehnen uns nach cremigen, warmen Suppen und deftigeren Gerichten. Das ist auch gut so und du solltest immer darauf achten, deinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Sie sind der Schlüssel zur Balance.

Ayurvedisches Essen im Ashram in Indien

Im Shanti Mandir Ashram essen alle Bewohner des Ashrams in einer großen, offenen Halle. Das Essen wird in der Regel auf Bananenblättern serviert und besteht meist aus Reis, Chapati, würzigem Dal und Gemüse. Auch ist es möglich, im Punarnava, der wunderschönen Ayurvedaklinik zu essen, in der die Speisen nach diesen ayurvedischen Prinzipien zubereitet werden:

Alle Gerichte sind Tridosha und somit für Vata, Pitta, Kapha geeignet

Im Punarnava werden nur Speisen zubereitet, die für alle Doshas geeignet sind, sodass das Essen für fast jeden verträglich ist. Eine klassische ayurvedische Mahlzeit enthält alle Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und zusammenziehend. Der Ayurveda geht davon aus, dass diese auf verschiedenartige Weise auf Körper und Geist wirken. Je nachdem, wieviel du zu dir nimmst oder ob diese Menge der eigenen Konstitution entspricht, kann dies positive oder negative Folgen haben. Wenn eine Mahlzeit alle Geschmacksrichtungen in angemessener Menge enthält, gilt sie als ausgeglichen.

Je nach individueller Dysbalance, Klima oder Wetter ist es jedoch angebracht, die Menge einer Geschmacksrichtung zu erhöhen. Im Frühwinter solltest du z.B. vermehrt zu süßen Speisen gleichen, da sich Vata in dieser Zeit erhöht.

In dieser Ayurveda-Klinik werden aus therapeutischen Gründen einige Lebensmittel, die in der Lage sind, ein Dosha stark zu erhöhen, gar nicht verwendet, um bei einer vorhandenen Dysbalance weitere Reize zu vermeiden.

Verwendung von saisonalen und regionalen Zutaten

Basis der meisten Gerichte sind  verschiedene Reis- und Hirsesorten, die gelbe und grüne Mungbohne und Linsen. Die meist verwendeten Gemüsesorten sind unter anderem Kürbis, Bittergurke, Yamswurzel, Zucchini und Möhren. Außerdem lebt die ayurvedische Küche von Gewürzen und Kräutern: Steinsalz, Kreuzkümmel, Hing, Senfsamen, Pfeffer, Chili, Curryblätter, Koriander, Kurkuma, langer Pfeffer, Zimt, Ajwain oder Bockshornklee – die Liste lässt sich endlos fortführen.

Ausrichtung nach der Verdauungskraft

Mittags werden vor allem Speisen serviert, die eher als schwer verdaulich gelten, da zu dieser Zeit Pitta vorherrscht und Agni, das Verdauungsfeuer, am stärksten sind. Deswegen ist es empfehlenswert, die Hauptmahlzeit mittags einzunehmen.

Ein typisches Frühstück besteht aus Mungcrêpes, Poha, grünen Mungbohnen oder gebratener Yamswurzel. Mittags werden immer eine Suppe, Gemüse und Roti aus Hirsemehl serviert. Abends gibt es dann wiederum Kitchari mit viel Ghee, Reis und Suppen, die sehr leicht verdaulich sind.

Ghee is love!

Ghee ist reines Butterfett, das durch Köcheln von ungesalzener  Butter gewonnen wird. Bei richtiger Einnahme ist es in der Lage, Gifte im Körper zu mobilisieren und diese auszuscheiden. Nur Kapha-Konstitutionen sollten sparsamer mit dem Fett umgehen. Ghee ist das einzige tierische Fett, das aufgrund seiner besonderen Eigenschaften in der ayurvedischen Küche Anwendung findet. Deswegen ist es in fast allen Gerichten enthalten und wird gerne auch noch großzügig über das Kitchari vor dem Servieren verteilt.

Wo bleibt der Spaß und Genuss?

Natürlich geht es nicht darum, dass du möglichst asketisch lebst und dir alles Genussvolle verbietest. Im Gegenteil. Dein Essen ist nur nachhaltig gesund für dich, wenn du das Gefühl hast, dass deine Ernährung auch wirklich zu dir passt. Balance ist alles und es geht mehr um das große Ganze.

Im Ashram in Indien: Ein Fazit

Wie du feststellen wirst, unterscheidet sich das Leben und die Art der Ernährung im Ashram sehr von dem unseren, ein Alltag, der nicht selten von Schnelllebigkeit, Unachtsamkeit und Termindruck geprägt ist. Umso wichtiger erscheint es doch, die Sensibilität für die eigenen Bedürfnisse zu erhöhen und das eigene Empfinden ernst zu nehmen, um mit einem Maximum an Lebensenergie und Kraft durch den Alltag gehen zu können. Fang mit kleinen Schritten an und höre einfach in dich hinein, wie gut dir deine Gewohnheiten und dein Essen tun: Bist du morgens wach und voller Energie, wenn du aufstehst? Schmeckt dir dein Essen?  Gibt es dir Energie? Fühlst du dich danach besser und kraftvoller oder müde? Beginne dann langsam immer mehr positive Routinen in deinen Alltag zu integrieren, die dazu führen, dass du dich wach, klar und voller Leichtigkeit fühlst.

Alles Liebe,
Verena

Im Ashram in Indien: Essen und Leben im Einklang mit der Natur