Mit Sinn und Sinnlichkeit_Sinne im Ayurveda

Wann hast du dich das letzte Mal einfach nur voll und ganz auf den Geschmack deines Essen konzentriert? Hast die Erde oder das Gras unter den nackten Füßen so intensiv wahrgenommen und dabei alles um dich herum vergessen und bist eins geworden mit der Natur? Bist im Wald spazieren gegangen und hast die abertausenden Gerüche aufgesogen?

Unsere Sinnesorgane bilden eine Brücke zwischen unserer äußeren Umwelt und der inneren Welt. Sie können, je nachdem was wir Erleben und Aufnehmen, uns nähren und stärken oder auch schwächen. Im Ayurveda gilt die Kultivierung und Sensibilisierung der Sinne als der Königsweg zu einer ausgewogenen Balance von Körper und Geist. Ayurvedisch zu leben heißt deshalb vor allem auch, immer feinfühliger für seine eigenen Bedürfnisse und Sinneswahrnehmungen zu werden und diesen dann auch zu folgen.

Die Sinne sind das Tor zur körperlichen Wahrnehmung und geistigen Erkenntnis.

Die Wichtigkeit der Sinne wird meiner Meinung nach stark unterschätzt. Deswegen möchte ich dir in diesem Beitrag zeigen, welche Rolle die Sinne im Ayurveda spielen, wie du mit stärkenden Maßnahmen deine Sinne verjüngen kannst und warum der sinnvolle Gebrauch unserer Sinne von so großer Wichtigkeit für unsere geistige und körperliche Gesundheit ist.

Die 5 Sinne im Ayurveda als Spiegel der Elemente

In unseren Sinnen spiegeln sich laut Ayurveda die fünf Elemente Feuer, Luft, Äther, Wasser und Erde wider. Aus den Sinnen gehen gleichzeitig Aktivitäten hervor, mit denen wir mit unserer Außenwelt in Kontakt treten können:

Äther: Durch den Raum wird Klang transportiert. Das Organ, das dem Klang zugeordnet wird, ist das Ohr, doch auch durch das Sprechen wird der Klang transformiert. Die Ohren können durch einen Tropfen warmes Öl gepflegt und durch positive Gespräche und Musik genährt werden.
Dosha: Vata

Luft: Das Element Luft steht in starker Verbindung zum Fühlen und Berühren. Das Organ, das vor allem dem Fühlen zugeordnet wird, ist die Haut. Die Haut kann durch Ölmassagen oder Garshan-Massagen gestärkt werden oder auch durch einen Mangel an liebevollen Berührungen geschwächt werden.
Dosha: Vata

Feuer: Das Feuerelement steht für Licht, Hitze und Farbe und steht in Verbindung zum Sehen. Die Augen können abends mit einem Tropfen warmem Ghee oder getränkten Rosenwasserpads gepflegt werden, was Feuchtigkeit spendet.
Dosha: Pitta

Wasser: Wasser steht in Verbindung mit dem Geschmack. Um den Geschmackssinn zu pflegen, empfiehlt sich Zungenschaben, Ölziehen und eine frische, naturbelassene Ernährung.
Dosha: vor allem Kapha

Erde: Die Erde steht in Verbindung mit dem Geruch. Das dazugehörige Organ ist die Nase. Ein Tropfen Öl, ätherische Öle und Neti pflegen die Nasenschleimhäute.
Dosha: Kapha

Dabei weiß der Ayurveda, dass wir eigentlich noch viel mehr wahrnehmen, als über die klassischen fünf Sinne vermittelt wird. Das Gefühl von Anderen. Harmonie oder Spannungen im Raum. Die Ausstrahlung von Menschen oder Atmosphären von Orten. Wahrnehmung von Energien. Zu wissen, wie genau das Auto rückwärts eingeparkt werden muss, ohne es dabei genau zu sehen. Außerdem ist es kaum möglich, unsere Sinne voneinander getrennt zu betrachten, da sie sich gegenseitig beeinflussen und verflechten zu einem multisensorischen Miteinander.

Unsere Sinne zu gebrauchen, lernen wir als Kind ganz nebenbei. Doch das Wesentliche wird dabei in unseren westlichen Kulturen oftmals vergessen.

Die Welt ist so, wie wir sie sinnlich erleben. Unser Erleben hängt somit davon ab, wie wir sie wahrnehmen.

Wir nehmen unglaublich viel wahr in unserem Alltag und all das Wahrgenommene hat einen enormen Einfluss darauf, wie wir unser Erleben und Leben empfinden und bewerten. Alle Sinneswahrnehmungen, alle Erfahrungen und alles Erlebte und Aufgenommene hinterlässt Eindrücke. Daraus folgt: Nehmen wir immer und immer wieder dasselbe war, formen diese Wahrnehmungen uns und unseren Körper und Geist. Ein wichtiger Schritt ist, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir in der Lage sind, unsere eigene Realität mitzubestimmen.

Was möchtest du erleben? Von selektiver Wahrnehmung

Jeden Tag strömt eine unglaubliche Menge an Informationen auf uns herein. Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und gerade in unser Gesellschaft werden wir mit einer geistig kaum zu verarbeitenden Informationsfülle konfrontiert. Wir sind dem ganzen aber nicht schutz- und hilflos ausgeliefert – im Gegenteil! Wie wir die Welt wahrnehmen, hängt maßgeblich von uns selbst ab und von  unseren Erfahrungen, der sozialen und kulturellen Prägung, den Erwartungen, Gedanken und Emotionen – all diese Dinge wirken wie ein Filter und lenken unsere Aufmerksamkeit. Wir wählen von all den angebotenen Informationen nur einen winzigen Teil aus, der uns wichtig für uns erscheint und blenden die übrigen Informationen aus.

Ein Beispiel: Wären wir im Dschungel aufgewachsen, dann würden wir die lauten Geräusche der Autos von denen der Straßenbahn oder Mopeds nicht unterscheiden können. Wozu auch? Dafür würden wir vielleicht in der Lage sein Hunderte von verschiedenen Pflanzensorten und Grüntönen auf den ersten Blick unterscheiden zu können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Und auch wenn wir dasselbe wahrnehmen wie andere, so bewerten wir das Wahrgenommene unterschiedlich, je nachdem wie wir kulturell und sozial geprägt sind.

Wieder erlernen vor der Schönheit der Natur zu erstaunen

Unser Alltag ist von einem zweckgerichteten Denken beherrscht und gleichzeitig sehnen wir uns so sehr nach Momenten, in denen wir Menschen oder Dinge einfach so in ihrem Eigenwert und Selbstzweck erfahren können: Das Vogelzwitschern am Morgen, den Untergang der Sonne, die weite Landschaft, die blühende Blume, das Lächeln des Partners. Ein kurzer Moment, der uns innehalten lässt und zum Nachdenken bringt, hat in unserem Alltag selten Platz. Meistens richtet sich unser Staunen auf Brauchbares und Nützliches oder sogar Negatives. Doch was tut uns eigentlich gut? Was nährt unseren Körper und Geist? Was ist wirklich gesund für uns? Hören wir dabei wirklich auf unseren Körper und unsere Sinne und fühlen in uns hinein oder hören wir auf unseren Geist, der uns anleitet und sagt, was gut für uns ist?

Der Ayurveda lehrt uns, unsere Sinne immer weiter zu entwickeln und zu verfeinern und sinnvoll einzusetzen. Je feiner die Sinne, desto größer unsere Lebenswelt. Da wir wahrnehmen, was wir gelernt haben wahrzunehmen und was für uns im Augenblick bedeutsam erscheint, bedeutet dies auch, dass es sein kann, dass wir immer und immer das Gleiche wahrnehmen. Somit würden wir uns in unserem Milieu einleben und gar nicht offen sein für das Schöne und die Wunder um uns herum.

Der Philosoph Merleau-Ponty nennt dies auch „blicklos bleiben für das Wunder“ – und das trifft es sehr gut, wie ich finde. Denn wir haben jeden Tag die Möglichkeit unsere Lebenswelt neu zu erfahren und zu erleben, vorausgesetzt wir treten ihr mit Aufmerksamkeit und Offenheit gegenüber und werden immer sensibler für unsere eigenen Bedürfnisse. Oftmals haben wir eine wissenschaftliche Brille auf und bewerten die Dinge, ohne uns auf sie einfach mal einzulassen. Während Kinder noch in der Lage sind vor der Natur zu erstaunen, ist uns diese Fähigkeit weitgehend verloren gegangen.

Eine Fähigkeit, die uns jedoch ein reichhaltigeres und freies Bild von uns selbst, den anderen und der Welt schenkt. 

Und nicht alles geschieht unterbewusst. Wir sind umgeben von einer Fülle an Geschmäckern, Gerüchen, Geräuschen und Bildern und können jeden Tag aufs Neue bestimmen, auf welche Dinge wir unsere Aufmerksamkeit richten. Dieses Erstaunen und Verzaubern lassen von der Welt verbindet uns mit uns selbst und unserer Umwelt und schenkt uns Erdung. Darin liegt die Chance für ein reichhaltigeres und sinnvolleres Leben.

  • Sinnlich erlebend entdecken: Barfuß laufen im Wald, das Essen schmecken ohne dabei zu lesen oder zu reden – versuche dich unvoreingenommen auf deine eigene Wahrnehmung zu konzentrieren, die Welt wie ein Kind zu entdecken ohne die Dinge direkt zu interpretieren und voreingenommen zu handeln.
  • Neues lernen: Indem wir Neues erlernen, lernen wir unsere Aufmerksamkeit ganz neu auszurichten. Während Maler hunderte Farbschattierungen wahrnehmen und Musiker ein feines Gehör haben, so kann jeder von uns, am besten unter Anleitung, neuartige Geschmäcker oder Gerüche oder auch ganz Anderes wahrnehmen. Es gibt nicht „die objektive“ Wahrnehmung und Wahrheit.
  • Einen Fokus setzen: Wir sind den vielen Reizen nicht ausgeliefert, wir müssen nur erlernen den Fokus richtig zu setzen. Es ist unsere Wahl, ob wir alle fünf Minuten durch unseren Feed scrollen, den ganzen Tag fernsehen oder durch die Großstadt laufen – wir selbst haben die Möglichkeit durch Aufmerksamkeit und Konzentration eine Entscheidung zu treffen.
  • Die Sinne sinnvoll einsetzen und den Geist nähren: Dein Geist ist ständig aktiv – womit möchtest du ihn beschäftigen? Gibst du ihm positives Futter, schönen Lesestoff oder Musik, Denkanstöße und Inspirationen, die dich glücklich machen? Lasse los von Aktivitäten und Eindrücken, die dich belasten und dir nicht gut tun. Dir tut Social Media nicht gut? Reduziere den Konsum! Das Leben findet draußen statt. Füttere deinen Geist mit Positivem und allem, was dir gut tut.

Beginne damit, dass du dir die Art deiner Wahrnehmung immer und immer wieder bewusst machst. Achte darauf, was du tatsächlich wahrnimmst und wie du das Wahrgenommene interpretiert und bewertest. Hinterfrage deine Art der Wahrnehmung. Versuche deine Umwelt einfach mal wieder als organisches Ganzes zu sehen und dich von ihr verzaubern zu lassen. Unvoreingenommen. Ohne Kategorien und Bewertungen allem gegenüber, sei es in Bezug auf deine Nahrung, deine Aktivitäten oder deinem Partner gegenüber. Denn all unsere gespeicherten Eindrücke und die damit verbundenen Gefühle fließen ständig in unsere Wahrnehmung mit ein. Diese Prozesse bewusster zu erleben, kann eine subtile aber tiefgreifende Veränderung in uns bewirken.

Love,
Verena

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